

Im Original stammt das englische Zitat “The cave you fear to enter holds the treasure you seek” wohl von Joseph Campbell, aber egal, von wem es stammt: es hilft mir sehr beim Schreiben.
Für mich hatte ich einen ähnlichen Spruch gefunden, der mich lange begleitet hat: Wenn man sich immer ein bisschen überfordert, entwickelt man sich immer ein bisschen weiter. Jetzt, da ich obiges Zitat kenne, kommt er mir geradezu plump vor, da Überforderung nicht das gleiche ist wie eine Herausforderung. Und eigentlich sind es Herausforderungen, die mich weiterbringen.
Was hat das nun mit dem Schreiben von Romanen zu tun? Einfach alles.
Mein erster Roman war eine große Herausforderung, weil ich noch nie einen geschrieben hatte. Ich hatte schon etliche übersetzt, aber meine eigene Kreativität strukturiert auf hunderte Seiten zu schütten und zu ordnen war eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich formulierte die Herausforderung damals instinktiv recht präzise. Mindestens siebzigtausend Worte sollte der Roman lang sein, damit es sich für mich wie ein “richtiger” Roman anfühlt. Ich wollte mich auf nur eine einzige Erzählperspektive konzentrieren, in der ich eine Charakterentwicklung spürbar mache, und ich wollte eine unzuverlässige Erzählerin - alles Elemente, die ich an Büchern liebe. Mit solchen klaren Herausforderungen habe ich auch viel aus dem Schreibprozess mitgenommen, und bin auf vielerlei Arten über mich hinausgewachsen. Die folgenden Lesungen waren eine weitere solche Herausforderung, an der ich wachsen konnte. Wenn ich an meine Aufregung bei meiner ersten Lesung denke, und wie ich inzwischen Lesungen handhabe, kommt mir das wie zwei verschiedene Menschen vor.
Ich bin überzeugt, dass der Mangel an Herausforderungen das ist, was mein zweites Romanprojekt, “Der letzte Zossner”, zum Scheitern verurteilt hat. Denn da bin ich mit dem Gedanken rangegangen: “Na ja, ich weiß ja jetzt, wie’s geht, also mache ich das gleiche einfach nochmal.” Mit dem Ergebnis, dass ich schon bei meinem zweiten Romanprojekt zu Tode gelangweilt war vom Schreiben.
Im Nachgang stieß ich dann auf das eingangs genannte Zitat, und das verschaffte mir eine neue Perspektive auf das Romane schreiben. Es geht mir nicht darum, die perfekte Formel zu finden und diese immer weiter und weiter zu perfektionieren, sondern vielmehr darum, immer neue Herausforderungen zu finden, die mich reizen und ehrlich interessieren - auch bzw. vor allem, wenn sie mich zunächst einschüchtern.
Konkret suchte ich nun also nach Dingen, wo “das möchte ich super gerne können” und “das klingt ganz schön schwierig” im Einklang miteinander standen. Das Ergebnis ist in “Tod & Truzek” zu finden:
Ich wollte unbedingt einen historischen Roman schreiben können, hatte aber großen Respekt vor dem Rechercheaufwand. Meine Lösung war, ein Gebiet zu nehmen, auf dem ich mich sowieso schon sehr gut auskenne, und ich nur noch punktuell nachrecherchieren muss: das deutsche Kaiserreich.
Außerdem wollte ich gerne mehrere Handlungsstränge miteinander verweben können, weil ich das jedes Mal aufs Neue beeindruckend finde, wenn Geschichten das gut hinkriegen. Hier war meine Lösung, die Geschichte vom Ende her zu denken, und die Charaktere so auszugestalten, dass sie sich für Verbindungen anboten - noch vor der Entwicklung der eigenen Handlung.
Außerdem wollte ich gern ein akutes Thema behandeln, weil ich mich immer mehr damit auseinandergesetzt hatte, was unterhaltsamen, aber bald vergessenen “Content” von Geschichten unterscheidet, die Menschen viele Jahre begleiten und unvergessen bleiben. Da das im Falle von “Tod & Truzek” mein akutes Thema Trauer war, ist es das geworden.
Das Ergebnis war, dass ich mit “Tod & Truzek” wieder das Gefühl hatte, weit über mich hinauszuwachsen. Ich hatte also meine “Erfolgsformel” gefunden, und die lautete immer das zu tun, was mich in gleichem Maße reizte wie ängstigte.
Dieser Formel bin ich auch mit meinem dritten Romanprojekt gefolgt, das derzeit noch auf die Überarbeitung wartet. Aber im Sinne dieses Blogposts teile ich gern schon mal die Herausforderungen, die ich mir dafür gestellt hatte:
Ich wollte ein Buch schreiben, das in einer historischen Epoche spielt, von der ich wirklich keine Ahnung habe, und mich mal richtig in der Recherche vergraben. Außerdem wollte ich gerne den Sprachgebrauch einer bestimmten Epoche lernen und widerspiegeln. Nach zwei Romanen mit ausschließlich weiblichen Protagonisten wollte ich auch mal ein Buch schreiben, in dem die Hauptfiguren Männer sind. Und zu guter letzt wollte ich wieder ein Thema verarbeiten, das bei mir zum Zeitpunkt des Schreibens aktuell war, in dem Fall: Weitermachen im Angesicht von Hoffnungslosigkeit und völliger Erschöpfung.
Was sich daraus für ein Buch ergeben habt, könnt ihr hoffentlich schon nächstes Jahr selbst lesen :)

Als mein Debütroman “Der Fall Zossner” gerade frisch erschienen war und sich meine ersten öffentlichen Termine - Lesungen, Interviews - anbahnten, betrieb ich einiges an Recherche, um herauszufinden, was man bei solchen Anlässen überhaupt so sagt. Schließlich gibt es erfahrene Lesungsbesucher, die eine gewisse Erwartungshaltung mitbringen.
Zu meiner Erleichterung stellte ich aber bald fest, dass die Gestaltung von Lesungen so unterschiedlich gehandhabt wird wie der Schreibprozess selbst. Klar, ein paar Faustregeln gibt es schon: insgesamt nicht länger als eine Stunde, nie länger als zehn Minuten am Stück lesen, damit das Publikum nicht einschläft, sowas.
Im Anschluss an die eigentliche Lesung bot ich immer eine offene Fragerunde ab, und dabei stellte ich fest, dass die Häufigkeit, mit der Fragen gestellt wurden, stark schwankte.Beliebte Kandidaten waren Fragen wie “Wie sind Sie auf die Idee gekommen?”, oder auch “Wann ist in Ihnen der Wunsch aufgekommen, ein Buch zu schreiben?”
*Diese zweite Frage habe ich immer als Frage nach dem Ursprung meines Schaffens als Autor verstanden. Daher halte ich ihre verschriftlichte Beantwortung auch für einen treffenden Anfang diesens Blogs.
Ich habe meiner Erinnerung nach nicht über- oder unterdurchschnittlich spät das Schreiben erlernt. Dafür habe ich zwei sehr deutliche Erinnerungen, die meine frühe Begeisterung fürs Schreiben (für mein Empfinden) belegen. Ich möchte damit natürlich nicht behaupten, dass ich damals schon Ambitionen hatte, ein ganzes Buch zu schreiben. Aber wo fängt man an, wenn nicht beim Erlernen des Schreibens?
In dem einen Fall habe ich eine Aufsatzhausaufgabe mit so viel Eifer abgeschlossen, dass das ein (positives) Elterngespräch nach sich gezogen hat. Im anderen Fall bin ich eines Morgens aufgewacht, habe mich hingesetzt und ein vierstrophiges Gedicht über Wasser geschrieben. Leider ist mir der bebilderte Text abhanden gekommen, aber die erste und vierte Strophe habe ich im Gedächtnis behalten:
Das Wasser,
das Wasser,
Es wird immer nasser,
Es plätschert und plätschert,
Und schließlich, es gletschert.
[Strophe 2 und 3 fehlen]
Es trillert und singt,
Es pfeift und es springt,
Und die Frösche,
sie quaken,
Sie singen so fein,
Sie stimmen dem Wasser
jubelnd mit ein.
Das muss beides vor der 3. Klasse passiert sein, denn dann erhielt ich als Geschenk das Hörspiel von “Der Herr der Ringe”. Diese Geschichte hat mein Leben auf so vielfältige Weise geprägt, dass ich ihren Eintritt in mein Leben als deutlichen Bruch wahrgenommen habe. Es gibt ein “davor” und ein “danach”, und im “danach” habe ich mich das erste Mal an eine größere, zusammenhängende Geschichte gewagt. Ihr Titel lautet “Balduin der Zwerg”, (was sicherlich meiner Faszination für die Geschichte um Moria aus “Der Herr der Ringe” entsprungen ist) und ich habe sie nie fertig gestellt, auch wenn ich einen vollständigen Plan dafür immer noch im Kopf habe. Bei aller Freude, die ich beim Schreiben hatte, ist es aber eben die Geschichte eines Neun- bis Zehnjährigen, und ich vermute, dass sie (soweit ich das objektiv beurteilen kann) ein entsprechend erwartbares Niveau hat. Das hielt denselben Verwandten, der mir das Hörspiel schenkte, aber nicht davon ab, sie mit großer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt zu lektorieren, mir dazu Feedback zu geben und mich zum Weiterschreiben zu ermutigen.
Es folgte eine Zeit, in der ich viel las - sehr viel. Vor allem Fantasy verschlang ich, aber auch Geschichten um Kinderdetektivbanden, Comics und erste, kindgerechte historische Romane. “Harry Potter” hat mich aus irgendeinem Grund erst mit drei, vier Jahren Verzögerung abgeholt, aber “Der Herr der Ringe” hat seinen Stellenwert bei mir seit 1999 nie eingebüßt.
In dieser Phase interessierte mich vor allem der Weltenbau. Ich entwarf Landkarten, Kulturen und Geschichten, um eine Welt abzubilden. In zwei Fällen sogar in (zugegebenermaßen recht kurzlebigen) Co-Autorenschaften, bei denen ich gemeinsam mit einem Freund Geschichten schrieb, die in der gleichen Welt spielten.
**Das muss alles noch vor der achten Klasse gewesen sein, und damit auf einem dementsprechenden Niveau - aber auch hier hatte ich viel Freude daran. Und auch hier würde ich das noch nicht als Ambition, ein Buch zu schreiben, verstehen. Schulisch kann ich mich lebhaft daran erinnern, wie ich einmal ein mehrseitiges erzählerisches Gedicht (sozusagen einen Epos) vortrug, weil mich diese Hausaufgabe so begeistert hatte, aber ansonsten machte mir meine doch recht unsaubere Handschrift einiges zu schaffen. Mit dieser brachte ich (nicht ungerechtfertig) zunehmend meine Deutschlehrer gegen mich auf, und meine Freude am Schreiben verschwand.
Von der achten bis einschließlich zehnten Klasse schrieb ich daher fast gar nichts mehr. Ich las auch wenig. Schließlich gelangte ich aber in ein Fach, das “Schreibwerkstatt” hieß, und hatte das große Glück eines Deutschlehrers, der nicht nur ungemein kreativ und witzig war, sondern dem auch meine Handschrift egal war. Diese Erfahrung hat eine Begeisterung fürs
Schreiben in mir entfacht, die wohl nie mehr ganz zu löschen ist, auch wenn sie manchmal etwas schwächer brennt.
Infolgedessen schrieb ich erste Kurzgeschichten, meist nicht mehr als eine Seite. Ein größeres Projekt, das Gimli aus “Der Herr der Ringe” nach dem eigentlichen Ende nach Moria zurückkehren lässt, lässt immerhin erste größere Zusammenhänge und Stilkonsistenz innerhalb eines längeren Texts erkennen.
In der Oberstufe gelangte ich dann in den Deutsch-Leistungskurs einer Lehrerin, die ausgezeichnete Diskussionsrunden um die Lektüre moderieren konnte. “Faust”, “Der Prozeß”, “Die Räuber” und “Das Blütenstaubzimmer” sind mir in Erinnerung geblieben. Parallel hatte ich ein Jahr der Oberstufe das Fach Literatur, wo noch mehr Buchbesprechungen stattfanden.
Und das ist die Phase, in der zum allerersten Mal der Wunsch in mir aufgekeimt ist, selbst ein Buch zu schreiben. Eines, über das sich wunderbar streiten lässt, und einen ganzen Kosmos an Meinungen und Interpretationen freilegt, den die Diskutierenden bilden.
Ich muss etwa neunzehn Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten (und lange Zeit letztem) Mal bewusst mit dem Versuch, ein Buch zu schreiben, begann. Ich würde es nach meinen heutigen Maßstäben nicht mehr veröffentlichen wollen, aber das Projekt hatte alle grundlegenden Qualitäten, die ein Buchprojekt nunmal so hat: Konzept, Struktur, Charaktere und Umfang.
Das ist also meine doch recht ausführliche Antwort auf die Frage, seit wann ich eigentlich schon ein Buch schreiben möchte. Ich freue mich schon, wenn bald die Lesungen wieder losgehen und ich die Fragen der Besucher zu “Tod & Truzek” hören darf, denn ich spreche bis heute unglaublich gerne mit anderen über Geschichten und ihr Erzählen!
Einmal wurde ich auch gefragt, ob ich nicht mal “etwas Erbauliches” schreiben möchte - eine sehr gute Frage, die mich lange nachdenklich gemacht hat. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.
Ich habe einige der Landkarten noch, und wer mich etwas besser kennt, weiß, dass Landkarten eine ganz spezielle Faszination auf mich ausüben. Aber auch dazu vielleicht an derer Stelle einmal mehr
Ein Spiel mit der gleichen Prämisse erschien 2023 unter dem Namen “Return to Moria”

