Als mein Debütroman “Der Fall Zossner” gerade frisch erschienen war und sich meine ersten öffentlichen Termine - Lesungen, Interviews - anbahnten, betrieb ich einiges an Recherche, um herauszufinden, was man bei solchen Anlässen überhaupt so sagt. Schließlich gibt es erfahrene Lesungsbesucher, die eine gewisse Erwartungshaltung mitbringen.
Zu meiner Erleichterung stellte ich aber bald fest, dass die Gestaltung von Lesungen so unterschiedlich gehandhabt wird wie der Schreibprozess selbst. Klar, ein paar Faustregeln gibt es schon: insgesamt nicht länger als eine Stunde, nie länger als zehn Minuten am Stück lesen, damit das Publikum nicht einschläft, sowas.
Im Anschluss an die eigentliche Lesung bot ich immer eine offene Fragerunde ab, und dabei stellte ich fest, dass die Häufigkeit, mit der Fragen gestellt wurden, stark schwankte.Beliebte Kandidaten waren Fragen wie “Wie sind Sie auf die Idee gekommen?”, oder auch “Wann ist in Ihnen der Wunsch aufgekommen, ein Buch zu schreiben?”
*Diese zweite Frage habe ich immer als Frage nach dem Ursprung meines Schaffens als Autor verstanden. Daher halte ich ihre verschriftlichte Beantwortung auch für einen treffenden Anfang diesens Blogs.
Ich habe meiner Erinnerung nach nicht über- oder unterdurchschnittlich spät das Schreiben erlernt. Dafür habe ich zwei sehr deutliche Erinnerungen, die meine frühe Begeisterung fürs Schreiben (für mein Empfinden) belegen. Ich möchte damit natürlich nicht behaupten, dass ich damals schon Ambitionen hatte, ein ganzes Buch zu schreiben. Aber wo fängt man an, wenn nicht beim Erlernen des Schreibens?
In dem einen Fall habe ich eine Aufsatzhausaufgabe mit so viel Eifer abgeschlossen, dass das ein (positives) Elterngespräch nach sich gezogen hat. Im anderen Fall bin ich eines Morgens aufgewacht, habe mich hingesetzt und ein vierstrophiges Gedicht über Wasser geschrieben. Leider ist mir der bebilderte Text abhanden gekommen, aber die erste und vierte Strophe habe ich im Gedächtnis behalten:
Das Wasser,
das Wasser,
Es wird immer nasser,
Es plätschert und plätschert,
Und schließlich, es gletschert.
[Strophe 2 und 3 fehlen]
Es trillert und singt,
Es pfeift und es springt,
Und die Frösche,
sie quaken,
Sie singen so fein,
Sie stimmen dem Wasser
jubelnd mit ein.
Das muss beides vor der 3. Klasse passiert sein, denn dann erhielt ich als Geschenk das Hörspiel von “Der Herr der Ringe”. Diese Geschichte hat mein Leben auf so vielfältige Weise geprägt, dass ich ihren Eintritt in mein Leben als deutlichen Bruch wahrgenommen habe. Es gibt ein “davor” und ein “danach”, und im “danach” habe ich mich das erste Mal an eine größere, zusammenhängende Geschichte gewagt. Ihr Titel lautet “Balduin der Zwerg”, (was sicherlich meiner Faszination für die Geschichte um Moria aus “Der Herr der Ringe” entsprungen ist) und ich habe sie nie fertig gestellt, auch wenn ich einen vollständigen Plan dafür immer noch im Kopf habe. Bei aller Freude, die ich beim Schreiben hatte, ist es aber eben die Geschichte eines Neun- bis Zehnjährigen, und ich vermute, dass sie (soweit ich das objektiv beurteilen kann) ein entsprechend erwartbares Niveau hat. Das hielt denselben Verwandten, der mir das Hörspiel schenkte, aber nicht davon ab, sie mit großer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt zu lektorieren, mir dazu Feedback zu geben und mich zum Weiterschreiben zu ermutigen.
Es folgte eine Zeit, in der ich viel las - sehr viel. Vor allem Fantasy verschlang ich, aber auch Geschichten um Kinderdetektivbanden, Comics und erste, kindgerechte historische Romane. “Harry Potter” hat mich aus irgendeinem Grund erst mit drei, vier Jahren Verzögerung abgeholt, aber “Der Herr der Ringe” hat seinen Stellenwert bei mir seit 1999 nie eingebüßt.
In dieser Phase interessierte mich vor allem der Weltenbau. Ich entwarf Landkarten, Kulturen und Geschichten, um eine Welt abzubilden. In zwei Fällen sogar in (zugegebenermaßen recht kurzlebigen) Co-Autorenschaften, bei denen ich gemeinsam mit einem Freund Geschichten schrieb, die in der gleichen Welt spielten.
**Das muss alles noch vor der achten Klasse gewesen sein, und damit auf einem dementsprechenden Niveau - aber auch hier hatte ich viel Freude daran. Und auch hier würde ich das noch nicht als Ambition, ein Buch zu schreiben, verstehen. Schulisch kann ich mich lebhaft daran erinnern, wie ich einmal ein mehrseitiges erzählerisches Gedicht (sozusagen einen Epos) vortrug, weil mich diese Hausaufgabe so begeistert hatte, aber ansonsten machte mir meine doch recht unsaubere Handschrift einiges zu schaffen. Mit dieser brachte ich (nicht ungerechtfertig) zunehmend meine Deutschlehrer gegen mich auf, und meine Freude am Schreiben verschwand.
Von der achten bis einschließlich zehnten Klasse schrieb ich daher fast gar nichts mehr. Ich las auch wenig. Schließlich gelangte ich aber in ein Fach, das “Schreibwerkstatt” hieß, und hatte das große Glück eines Deutschlehrers, der nicht nur ungemein kreativ und witzig war, sondern dem auch meine Handschrift egal war. Diese Erfahrung hat eine Begeisterung fürs
Schreiben in mir entfacht, die wohl nie mehr ganz zu löschen ist, auch wenn sie manchmal etwas schwächer brennt.
Infolgedessen schrieb ich erste Kurzgeschichten, meist nicht mehr als eine Seite. Ein größeres Projekt, das Gimli aus “Der Herr der Ringe” nach dem eigentlichen Ende nach Moria zurückkehren lässt, lässt immerhin erste größere Zusammenhänge und Stilkonsistenz innerhalb eines längeren Texts erkennen.
In der Oberstufe gelangte ich dann in den Deutsch-Leistungskurs einer Lehrerin, die ausgezeichnete Diskussionsrunden um die Lektüre moderieren konnte. “Faust”, “Der Prozeß”, “Die Räuber” und “Das Blütenstaubzimmer” sind mir in Erinnerung geblieben. Parallel hatte ich ein Jahr der Oberstufe das Fach Literatur, wo noch mehr Buchbesprechungen stattfanden.
Und das ist die Phase, in der zum allerersten Mal der Wunsch in mir aufgekeimt ist, selbst ein Buch zu schreiben. Eines, über das sich wunderbar streiten lässt, und einen ganzen Kosmos an Meinungen und Interpretationen freilegt, den die Diskutierenden bilden.
Ich muss etwa neunzehn Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten (und lange Zeit letztem) Mal bewusst mit dem Versuch, ein Buch zu schreiben, begann. Ich würde es nach meinen heutigen Maßstäben nicht mehr veröffentlichen wollen, aber das Projekt hatte alle grundlegenden Qualitäten, die ein Buchprojekt nunmal so hat: Konzept, Struktur, Charaktere und Umfang.
Das ist also meine doch recht ausführliche Antwort auf die Frage, seit wann ich eigentlich schon ein Buch schreiben möchte. Ich freue mich schon, wenn bald die Lesungen wieder losgehen und ich die Fragen der Besucher zu “Tod & Truzek” hören darf, denn ich spreche bis heute unglaublich gerne mit anderen über Geschichten und ihr Erzählen!
Einmal wurde ich auch gefragt, ob ich nicht mal “etwas Erbauliches” schreiben möchte - eine sehr gute Frage, die mich lange nachdenklich gemacht hat. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.
Ich habe einige der Landkarten noch, und wer mich etwas besser kennt, weiß, dass Landkarten eine ganz spezielle Faszination auf mich ausüben. Aber auch dazu vielleicht an derer Stelle einmal mehr
Ein Spiel mit der gleichen Prämisse erschien 2023 unter dem Namen “Return to Moria”